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Frag Wiedemann! Die Online-Sprechstunde – Folge 3: Das Lost-Penis-Syndrom

Im Interview mit ACTICORE beantwortet Prof. Dr. med. Andreas Wiedemann Fragen rund um den Beckenboden. Die dritte Folge dreht sich um ein heikles Thema.

  • Prof. Dr. med. Andreas Wiedemann ist Chefarzt der Urologischen Klinik am Ev. Krankenhaus Witten. Er unterrichtet am Lehrstuhl für Geriatrie der Universität Witten/Herdecke.
  • In der Interviewserie "Frag Wiedemann" klärt er auf und beantwortet alle Fragen zum Thema Inkontinenz und Blasenschwäche.
  • In Folge 3 geht es um den Zusammenhang zwischen einem fitten Beckenboden und einem erfüllten Sexualleben.

 

Lust entsteht beim Geschlechtsverkehr durch Reibung - der Beckenboden macht den Unterschied

Meine Trainerin im Fitnessstudio sagt, die Beinpresse und Adduktorenübung sei gut für den Beckenboden. Stimmt das?

Also – im Prinzip hängen alle unsere Muskeln zusammen. Am besten kann man das am Arm erklären – der Biceps vorne am Arm beugt, der Triceps streckt. Wenn ich den einen aktiviere, muss der andere erschlaffen, sonst ist die Arbeit ineffektiv. Aber mehr noch: Um die Armmuskeln zu bewegen, brauche ich eine „Plattform“, die die Arme hält. Also benötige ich die Rumpfmuskulatur, die Schulter- und Brustmuskulatur, um z. B. ein Gewicht einseitig anzuheben. Wenn hier mein „Achsenskelett“ nicht stabilisiert, falle ich bei solch einer Übung um. Genauso verhält es sich bei der Bein-Adduktion oder -Abduktion. Auch wird der Bauch, der Rücken und der Beckenboden benötigt, den Beinen eine Basis zu geben.

 

Wo genau ist eigentlich der Beckenboden?

Der Beckenboden ist eine Muskelschlinge, die „im Po“ um Harnröhre, Scheide (bei der Frau) und Enddarm herum verläuft. Man kann sich den Beckenboden bewußt machen, wenn man sich vorstellt, im Aufzug einen Pups oder – wenn die Toilette besetzt ist, den Urin zurückzuhalten. Die Muskeln, die „innen“ den Urin oder den Stuhlgang zurückhalten, sind „der Beckenboden“. Bei der Frau haben sie noch eine andere Funktion: Sie spielen bei der Lust eine Rolle.

 

Wie das denn?

Lust entsteht beim Geschlechtsverkehr durch Reibung. Reibung zwischen Penis und Scheide bzw. Clitoris. Wenn eine Frau einen erschlafften Beckenboden hat und zudem eine weite Scheide, kommt keine Reibung zustande. Der Geschlechtsakt ist dann für beide belanglos. Er oder Sie oder beide kommen nicht zum Orgasmus. Mediziner sprechen vom „lost-penis-Syndrom“ – er „stochert“ in der Scheide, ohne dass sich besondere Lustgefühle bei beiden ergeben. Häufig werfen Paare dann die Flinte ins Korn – auch wenn der Vergleich hier komisch klingt. Aber auch bei solchen Beschwerden ist Beckenbodentraining sinnvoll. Und sogar bei Männern haben manche Muskeln des Beckenbodens eine erektionsverstärkende Wirkung…

Beckenbodentraining als Zaubermittel gegen das "Lost-Penis-Syndrom"

 

Und wie mache ich Beckenbodentraining?

Der erste Schritt ist, den Beckenboden überhaupt wahrzunehmen. Physiotherapeuten können das heute durch eine Tastung verdeutlichen. Sie tasten wie ein Gynäkologe und geben eine Rückmeldung, ob und wie stark der Beckenboden angespannt werden kann. Hierfür gibt es eine Gradeinteilung, den „Oxford-Score“. Wer das nicht mag und unkompliziert zuhause trainieren will, für den gibt es elektronische Beckenbodentrainingsgeräte. Die meisten arbeiten über eine vaginale Elektrode für Frauen bzw. rektale Elektroden bei Männern. Aber es gibt auch Geräte, die „von außen“ über den Damm Signale vom Beckenboden aufnehmen. Gute Beckenbodentrainingsgeräte für das Heimtraining geben eine Rückmeldung z. B. durch ein optisches Signal, wenn die richtigen Muskeln angespannt werden. Dann kommt es auch darauf an, richtig und in der richtigen Dosierung zu üben. Ein „Zuviel“ ist schädlich, wird nur gelegentlich und zu kurz geübt, lassen sich keine Effekte erzielen. Hier gibt es edv-gestützte Programme, die ein effektives Üben ermöglichen.

 

Und wenn ich nie im Leben Beckenbodengymnastik mache?

Dann habe ich eine größere Chance, im Alter vor allem eine sog. Belastungsinkontinenz zu bekommen – Urinverlust beim Husten, Lachen oder Niesen. Im Allgemeinen gilt, möglichst früh und schon vorsorglich beginnen – ehe zuviel Muskulatur verloren gegangen ist. Und wer weiß, ob nicht auch die Beziehung davon profitiert!

 

Alles klar. Danke Ihnen, Herr Professor Wiedemann!

Immer wieder gern!

Dieser Beitrag wurde am 16.06.2021 von ACTICORE veröffentlicht.