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Frag Wiedemann! Die Online-Sprechstunde – Folge 7: Medikamente und Hilfsmittelberatung

Im Interview mit ACTICORE beantwortet Prof. Dr. med. Andreas Wiedemann Fragen rund um den Beckenboden. In der siebten Folge geht es um Einlagen und Hilfsmittelberatung.

  • Prof. Dr. med. Andreas Wiedemann ist Chefarzt der Urologischen Klinik am evangelischen Krankenhaus Witten und unterrichtet am Lehrstuhl für Geriatrie der Universität Witten/Herdecke.
  • In der Interviewserie "Frag Wiedemann" beantwortet er alle Fragen zum Thema Inkontinenz und Blasenschwäche.
  • In Folge 7 geht es um Einlagen, Medikamente und die richtige Hilfsmittelberatung.

Die ausreichende Versorgung mit Hilfsmitteln gegen Inkontinenz ist nicht ganz leicht

 

Kann mein Arzt mir eigentlich Vorlagen verschreiben?

In Deutschland gilt ein pauschaliertes System. Der Patient erhält eine „ausreichende, zweckmäßige Versorgung“, die sich je nach Krankenkasse ändern kann. Sie liegt bei rund 15 Euro pro Monat.

 

Ist das nicht ein bisschen wenig?

Das kann man wohl laut sagen. Es gilt die Faustregel: Man bekommt von der Krankenkasse nur eine einfache Standardausstattung für einen Monat. Wer Sonderwünsche in Qualität oder Menge hat oder verschiedene Produkte benötigt (z. B. Vorlagen für den Tag, Inkontinenzhosen für die Nacht) kommt da schnell an die Grenze der Zuzahlung

 

Herr Prof. Wiedemann, wie sähe denn nach Ihren Vorstellungen eine ideale Hilfsmittelberatung aus?

Interessant, dass Sie das fragen – ich habe gerade mit dem Arbeitskreis geriatrische Urologie der Deutschen Gesellschaft für Urologie eine Leitlinie zum Thema entwickelt. Wen es interessiert: Sie ist in dem Leitlinienregister der Arbeitsgemeinschaft medizinisch-wissenschaftlicher Fachgesellschaften im Netz. Eine ideale Beratung umfasst aus meiner Sicht eine Menge an Informationen – wie z. B. die Art der Inkontinenz, den Umfang, die Mobilität des Betroffenen, seine Vorlieben. Es gilt die Devise: nicht zu groß, nicht zu klein, dem Bedarf angemessen. Und der Betroffene sollte Muster erhalten, sodass er über mehrere Tage Alternativen testen kann.

Die richtigen Hilfsmittel gegen Inkontinenz – das können von einer Blasenschwäche Betroffene tun

 

Was kann der Betroffene tun?

Er könnte seinen Arzt auf die Leitlinie hinweisen und bitten, die vorliegenden Informationen anhand des von uns vorgeschlagenen Laufbogens mit dem Hilfsmittelrezept mitzutragen. Und er sollte alles daransetzen, seine Inkontinenz so gut es geht selbst in den Griff zu bekommen. Dazu gehört – aber das wird er von einem guten Facharzt schon gehört haben –, die Einstellung der Trinkmenge – nicht zu viel, nicht zu wenig, das Besprechen der Medikamente (hierunter könnten welche sein, die die Inkontinenz befördern) und ein Training des Beckenbodens.

 

Welche Medikamente befördern denn eine Inkontinenz?

Das sind z. B. harntreibende Medikamente, Herzmedikamente und solche, die Husten auslösen. Es lohnt sich, den eigenen Verordnungszettel einmal mit einem Fachmann durchzugehen.

 

Und was kann ich für meinen Beckenboden tun?

Hier gilt eine einfache Formel: Üben, üben, üben. Ich kenne – mit ganz wenigen Ausnahmen – keine Inkontinenzform, bei der Beckenbodentraining schädlich wäre. Es stärkt nicht nur den Beckenboden selbst, sondern hemmt auch eine „überaktive“, d. h. außer Kontrolle geratene Blase. Beckenbodentraining kann ich nach Einweisung durch einen Physiotherapeuten selbstständig durchführen oder ich kaufe mir ein Gerät, mit dem ich wie bei einem virtuellen Fitnesskurs zum Üben animiert werde.

 

Herr Professor Wiedemann, vielen Dank!

Sehr gerne.

  

 

Dieser Beitrag wurde am 12.08.2021 von veröffentlicht.