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Frag Wiedemann! Folge 1: Schwangerschaft und Inkontinenz

 
Im Interview mit ACTICORE beantwortet Prof. Dr. med. Andreas Wiedemann Fragen rund um den Beckenboden. In der ersten Folge geht es um Folgen einer Schwangerschaft und die nervöse Blase.
 
  • Prof. Dr. med. Andreas Wiedemann ist Chefarzt der Urologischen Klinik am Ev. Krankenhaus Witten. Er unterrichtet am Lehrstuhl für Geriatrie der Universität Witten/Herdecke.
  • In der Interviewserie "Frag Wiedemann" klärt er auf und beantwortet alle Fragen zum Thema Inkontinenz und Blasenschwäche.
  • In Folge 1 beantwortet Prof. Wiedemann Fragen zu Folgen einer Schwangerschaft, zur nervösen Blase, zu genetischen Veranlagungen einer Inkontinenz und mehr.

 

 
 
 

Wie groß ist eigentlich mein Inkontinenz-Risiko?

In meiner Familie gibt es viele Fälle von Inkontinenz. Bin ich deswegen selbst besonders gefährdet?

Das ist ein wenig wie bei Radio Eriwan – es kommt darauf an. Zunächst: eine direkte genetische Veranlagung, bei der ein Gen die Erkrankung vorprogrammiert, – z. B. wie bei Brustkrebs oder Prostatakrebs gibt es nicht. Ein unfreiwilliger Urinverlust liegt also nicht in den Genen selbst – sondern hängt viel mehr von unserem Verhalten, unserer Gesundheit und unserem Geschlecht ab. Also: Wenn in der Familie alle übergewichtig sind, ist das Risiko, Urin zu verlieren, auch bei allen höher. Oder wenn in der Familie alle zuckerkrank sind, sind auch mehr von Inkontinenz betroffen. Ob nun Übergewicht als Risikofaktor genetisch bedingt ist, darüber lässt sich trefflich streiten. Mediziner glauben eher, dass es sich um ein erlerntes Fehlverhalten in der Ernährung handelt, das schon in der frühen Kindheit festgelegt wird, als um eine vererbte Anlage zum Übergewicht.

 

Gut zu wissen. Ist eine Inkontinenz vom Alter abhängig? Bisher kann ich nicht klagen, aber ich habe ein bisschen Angst, dass es mich auch erwischt.

Sie haben Recht, Inkontinenz ist vom Alter abhängig aber nicht in der Form, dass alle Alten inkontinent sind und alle Jungen nicht. Es kommt darauf an, wie wir mit unserem Beckenboden umgehen. So ist jede 4. Leistungssportlerin um die 20 in der Leichtathletik oder im Kraftsport von Urinverlust bei Anstrengung betroffen, weil sie ihren Beckenboden überfordert und anhaltend schädigt. Umgekehrt, wenn ich mein Gewicht halte und (moderat) sportlich bin, kann ich auch lebenslang „trocken“ bleiben.

 

Ich bin weiblich und habe Angst, dass ich mich durch eine Schwangerschaft gefährde und nach der Geburt inkontinent bin.

Wenn das so wäre, müssten alle Frauen einen Kaiserschnitt bekommen. Aber auch Frauen mit Kaiserschnitt haben ein Risiko, vorübergehend Urin zu verlieren – weil allein die Schwangerschaft schon den Beckenboden belastet. Die Geburt tut das auch, aber nur selten gibt es einen irreparablen Schaden. Werden Beckenboden und die Beckenbodennerven bei einer langen, komplizierten Geburt strapaziert, ist es umso wichtiger, so früh wie möglich und so intensiv wie möglich den Beckenboden zu trainieren. So ist – wenn überhaupt – ein Urinverlust nach einer Geburt ein mildes und vorübergehendes Phänomen. Und überhaupt: auch Frauen mit Kaiserschnitten kommen in die Wechseljahre, die wieder durch die Hormonumstellung das Inkontinenzrisiko erhöhen. Daher gibt es keinen Grund, wegen der Angst vor Inkontinenz auf den Kinderwunsch zu verzichten.

Schwangerschaft, Veranlagung und Co.: Gibt es den einen "Trick" gegen Inkontinenz?

Gibt es einen Trick, wie ich vermeiden kann, selbst eine Blasenschwäche zu bekommen?

Wenn es „einen“ Trick gäbe, wäre das schön. Es geht eher darum, ein Leben lang - ununterbrochen – den Beckenboden zu trainieren, das Gewicht zu halten und gesund zu bleiben. Wer etwa durch Unachtsamkeit, durch Rauchen, durch Bewegungsmangel oder durch ungesundes Leben Risikofaktoren etwa für einen Schlaganfall, für die Zuckerkrankheit oder das „metabolische Syndrom“ anhäuft, muss auch mit einem erhöhten Inkontinenzrisiko rechnen. Manche Risiken sind aber auch unvermeidbar – und damit meine ich nicht die (vaginale) Geburt. Auch die Wechseljahre, die jede Frau durchmacht und die Prostatavergrößerung, die jeder Mann in unterschiedlichem Ausmaß hat, erhöhten das Risiko einer Inkontinenz. Wichtig hier: Auch bei leichten Erscheinungen dem Arzt berichten, getreu der Devise „wehret den Anfängen“.

 

Meine Mutter kämpft schon seit Jahren mit einer hartnäckigen Inkontinenz. Immer, wenn sie irgendwo ankommt, drängt schon kurz vorher die Blase, oft kann sie sich dann ein paar Tropfen nicht verkneifen. Was kann ich ihr raten?

Ihre Mutter leidet vermutlich unter einer Reizblase. Der Harndrang, der sonst abgestuft, langsam, kontrolliert erscheint, ist „verbogen“, kommt plötzlich und mit Macht. Ihre Mutter kann vermutlich nicht mehr die Kartoffeln zu Ende schälen. Wenn sie „muss“, muss sie die letzten Kartoffeln fallen lassen und „rennen“. Eine solche Reizblase oder „Überaktive Blase“ ist unangenehm, weil nach und nach die Blase das Leben bestimmt. Nicht die Blase richtet sich nach dem Menschen, der Mensch muss der Blase folgen, die das Kommando übernimmt. Die Wege sind nicht mehr frei wählbar, sondern werden von Toilette zu Toilette geplant. Die Ursachen für eine solche „überaktive Blase“ können vielgestaltig sein, daher kann man nicht ein Patentrezept geben: Harnwegsinfekte, Hormonumstellungen, Blasenerkrankungen selbst oder auch neurologische Erkrankungen können eine Rolle spielen. Auch können bestimmte Zucker-, Bluthochdruck- oder Herzmedikamente und auch Psychopharmaka verstärkten Harndrang auslösen. Daher – ab zum Arzt und bis dahin schon einmal die Trinkmenge messen, die Anzahl der Toilettengänge aufschreiben und – wenn der Harndrang aufkommt, singen, beten, zählen, um die Aufmerksamkeit von der Blase „wegzulenken“.

 

Vielen Dank, Herr Prof. Wiedemann!

Gern geschehen, ich danke Ihnen für das Gespräch!

Dieser Beitrag wurde am 23.02.2021 von ACTICORE veröffentlicht.