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Frag Wiedemann! Die Online-Sprechstunde – Folge 4: Zumba und die Belastungsinkontinenz

Im Interview mit ACTICORE beantwortet Prof. Dr. med. Andreas Wiedemann Fragen rund um den Beckenboden. In der vierten Folge dreht sich alles um die Belastungsinkontinenz – und um Wege aus ihr heraus.

  • Prof. Dr. med. Andreas Wiedemann unterrichtet am Lehrstuhl für Geriatrie der Universität Witten/Herdecke und ist Chefarzt der Urologischen Klinik am Ev. Krankenhaus Witten.
  • In der Interviewserie "Frag Wiedemann" beantwortet er alle Fragen zum Thema Inkontinenz und Blasenschwäche.
  • In Folge 4 geht es um den Zusammenhang zwischen einer Belastungsinkontinenz und der Angst vorm Sport.

Mit der Jogginghose zum Zumba-Training – wenn die Belastungsinkontinenz zum Hindernis wird

Wenn ich im Kurs „Zumba“ die jungen Mädchen in ihren engen Tights sehe, dann werde ich neidisch. Ich muss in Jogginghose und mit einer Vorlage bewaffnet zu Francesco und habe ständig Angst vor einem Malheur. Und ich bin die einzige, die während des Kurses 2 x zur Toilette rennt, damit die Blase bloß nicht zu voll wird…

Sie sprechen die Alltagsprobleme bei der sog. Belastungsinkontinenz an. Der Urinverlust lässt sich bei dieser Inkontinenzform, bei der Urin bei Husten, Lachen, Niesen oder Bewegen abgeht, bei einer Erkältung ja noch vorhersagen und man bleibt zu Hause. Aber beim Zumba, body-fit oder fat-burner kann man ja nicht aussetzen oder auf das Trinken verzichten. Viele Frauen helfen sich mit einer Vorlage – oder setzen einen Tampon ein.

 

Aber ist das denn keine gute Notlösung?

Notlösungen können nie gut sein. Für den Moment helfen sie, aber sie nehmen natürlich auch die Motivation, etwas Aktives gegen das Problem zu tun. Und wo wir schon einmal bei Vorlagen sind. Die meisten Frauen nehmen Produkte aus der Menstruationshygiene, die für eine Inkontinenzversorgung eher nicht geeignet sind. Und einen Tampon außerhalb der Regel einzusetzen, ist auch kein reines Vergnügen. Da sind entsprechende Inkontinenzprodukte schon besser, die zu kaufen, bedeutet aber auch, die Scham zu überwinden. Aber wer geht schon in eine Apotheke und lässt sich beraten – übrigens: da muss man in der Apotheke oder im Sanitätshaus schon Glück haben, jemanden mit Kompetenz zu treffen…

 

Aber in der Werbung wird das Verwenden einer Vorlage doch als das Natürlichste der Welt dargestellt…

Das stimmt schon, aber Hersteller von Hilfsmitteln verschweigen, dass man ja aktiv etwas machen kann. Raus aus dem stillen Kämmerlein und ab zum Arzt. Manchmal ist die Lösung ganz einfach: Ein unerkannter Harnwegsinfekt, ein lokaler Hormonmangel, der die Schleimhäute im Intimbereich trocken und spröde werden lässt, eine Reizblase durch einen Zucker …. Vorlagenhersteller wollen verkaufen und blenden manchmal aus, dass es sich um eine VERSORGUNG und nicht um eine THERAPIE handelt. Und eine Therapie ist in jedem Falle vorzuziehen. Gerade bei der Belastungsinkontinenz ist – von Katastrophenfällen einmal abgesehen – eine Heilung, d. h. Trockenheit durch ein Training zu erzielen.

Medikamente gegen Inkontinenz? Es gibt bessere Wege gegen Blasenschwäche

 

Gibt es Medikamente gegen Inkontinenz?

Selbstverständlich! Tabletten sind eher etwas für die Reizblase – bei einer Belastungsinkontinenz ist das A und O ein Beckenbodentraining. Und bei beiden Inkontinenzformen hilft bei lokalem Hormonmangel eine Östrogencreme, die übrigens keine allgemeinen Hormonwirkungen entfaltet. So ist nicht mit Zwischenblutungen, Brustspannen oder Stimmungsschwankungen zu rechnen. Und manchmal profitiert von der „Östrogenisierung“ auch der Partner…

 

Ich habe schon „alles“ versucht, bin dann aber nicht mehr zum Arzt gegangen.

Manchmal gibt es bei der Inkontinenz keine Patentlösung. Da hilft nicht die erste Pille und auch nicht in der ersten Dosierung. Häufig müssen verschiedene Maßnahmen kombiniert werden, ehe sich der Erfolg einstellt. Das kann ja eine Pille in Kombination mit einer Hormoncreme und einem Beckenbodentraining mit Gewichtsabnahme sein und genauso, wie Rom ja auch nicht an einem Tage erbaut wurde, kann das dauern.

 

Herr Prof. Wiedemann, danke für das Gespräch!

Sehr gerne!

Dieser Beitrag wurde am 01.07.2021 von ACTICORE veröffentlicht.