, Prof. Dr. med. Andreas Wiedemann

Frag Wiedemann! Die Online-Sprechstunde – Folge 2: Wenn es in der S-Bahn drängt

 

Im Interview mit ACTICORE beantwortet Prof. Dr. med. Andreas Wiedemann Fragen zu den Themen Harninkontinenz und Blasenschwäche. In der zweiten Folge geht es um die überaktiver Blase und Dranginkontinenz.

  • Prof. Dr. med. Andreas Wiedemann ist Chefarzt der Urologischen Klinik am Ev. Krankenhaus Witten. Er unterrichtet am Lehrstuhl für Geriatrie der Universität Witten/Herdecke.
  • In der Interviewserie "Frag Wiedemann" klärt er auf und beantwortet alle Fragen zum Thema Inkontinenz und Blasenschwäche.
  • In Folge 2 geht es um die Themen Belastungsinkontinenz, überaktive Blase und Urinverlust.

Die eine rennt, die andere nicht – gibt es Unterschiede bei der Inkontinenz?

 

Meine Freundin sagt, die S-Bahn-Fahrt von Frankfurt nach Wiesbaden sein der Horror, weil es dort keine Toiletten gibt – ich verliere nach der Geburt meiner Tochter auch Urin, aber habe das Problem nicht… Gibt es Unterschiede bei unserem Problem?

Sie haben Recht – wir unterscheiden 2 unterschiedliche Inkontinenzformen, die zusammen 97 Prozent aller Fälle ausmachen: Die sog. Überaktive Blase und die Belastungsinkontinenz. Beide können einzeln, aber auch zusammen vorkommen.

 

Lassen Sie mich raten – meine Freundin hat die Überaktive Blasee

Genau. Die Blase gibt falsche, zu frühe und zu starke Signale – während sie eigentlich Harndrang erst bei 200 ml Füllung angeben soll, der dann geordnet bis 300, manchmal 500 ml kontrollierbar sein soll, ist das bei einer Überaktiven Blase früher und heftiger möglich. Harndrang tritt schon bei 50, manchmal 20 ml Füllung auf – das ist schon kurz nach der Entleerung wieder der Fall. Und manchmal ist schon der Gedanke an die Not der Auslöser für noch mehr Beschwerden: Das Besteigen der S-Bahn mit der Erinnerung an das letzte „Malheur“ macht alles nur noch schlimmer.

Harndrang und Urinverlust - wie funktioniert die Belastungsinkontinenz?

 

Und warum habe ich keinen Harndrang, obwohl ich manchmal Urin verliere?

Sie haben eine sog. Belastungsinkontinenz. Da ist die Blase unschuldig und ruhig, nur der Schließmuskelapparat ist geschädigt oder erschlafft wie z. B. nach einer Geburt. Der Urinverlust tritt bei Belastung auf – gemeint sind Kräfte, die von oben auf den Beckenboden wirken – auf, bei Husten, Lachen, Heben, Aufstehen oder Hüpfen. Das ist meistens nicht mit Harndrang verbunden, es geht einfach passiv ein „Stritz“ ab. Wenn Betroffene häufig zur Toilette gehen, tun sie das nur deswegen, damit die Blase nicht zu voll wird und sie weniger Urin bei Belastung verlieren. Eine Überaktive Blase mit starkem Harndrang liegt da nicht vor.

 

Und wer ist nun von uns beiden schlimmer dran? Wir brauchen ja beide Vorlagen – leider!

Das kann man so nicht sagen – der Urinverlust bei einer Belastungsinkontinenz ist eher portionsweise mit einem kleineren oder größeren „schwupp“ – bei der Überaktiven Blase läuft die Blase komplett leer. Von der Menge aus betrachtet ist also diejenige mit der Belastungsinkontinenz besser dran. Das Gefühl, bei der Überaktiven Blase jederzeit der Blase und ihrem Fehlverhalten ausgeliefert zu sein, wird als besonders quälend empfunden. Wenn nicht das „ich“, sondern die Blase die Wege bestimmt, wohin ich gehe, ob ich überhaupt noch herausgehe oder nur noch „gut eingepackt“, wird das als starke Einschränkung empfunden. Die Gute Nachricht: Bei beiden Inkontinenzformen hilft ein Schließmuskeltraining.

Beckenbodentraining gegen Inkontinenz: Zwei Krankheiten, eine Therapie

 

Warum das denn – zwei Krankheiten eine Therapie?

Das kann man sich am besten mit der Nerven-Verschaltung von Blase und Beckenboden erklären: Wenn ich den Beckenboden und damit meinen Schließmuskel trainiere, erziele ich damit gleichzeitig 2 Effekte: erstens wird die Beckenbodenkraft größer und meine Belastungsinkontinenz wird besser, zweitens hemme ich über einen Reflex die überaktive Blase und der Harndrang wird besser. In Ansätzen kann man das ausprobieren, in dem man bei Harndrang die Gesäßbacken kräftig zusammenzieht: Der Harndrang wird besser. Das ist aber keine Dauerlösung, da gibt es bessere, effektivere und elegantere Behandlungsmethoden.

 

Danke für Ihre Tipps, Herr Prof. Wiedemann!

Gern geschehen.

Dieser Beitrag wurde am 02.06.2021 von Prof. Dr. med. Andreas Wiedemann veröffentlicht.